Cestoda
02/20
Oder auch Zestoden sind ganz allgemein die Bandwürmer, die – heutzutage eher selten, so der Artikel auf Wikipedia – den Menschen (sein Gedärm) befallen. Es sind dies krankheitsverursachende Würmer und sie fallen somit in den Fachbereich der Medizinischen Parasitologie …
Warum uns das hier interessiert? Weil es um die seit einiger Zeit geführte Diskussion, ob man die Kunst vom Künstler, das Werk vom Werkschaffenden und so weiter, trennen könne. Und ob es dabei eine Rolle spielt, ob es sich dabei um Personen der Gegenwart handelt oder um längst von uns gegangene, über deren Biografien, deren Lebenswandel und Gesinnungen höchstens noch die Historiker befinden dürften.
Richard Wagner kann man hier als Beispiel nehmen oder Martin Heidegger. Und natürlich alle die »me too« Fälle der Gegenwart. Die Frage ist, muss man Heidegger in Zukunft, wenn überhaupt, neu lesen? Klingt Plácido Domingo heute anders, nachdem er sich wegen sexueller Übergriffe geoutet hat? Ist er für die Opernliebhaber und -liebhaberinnen noch akzeptabel, nachdem sie das wissen?
Zurück zu den Zestoden. Der oberösterreichische Schriftsteller und Mundartdichter Franz Stelzhamer (1802 – 1874) hat 1852 im Selbstverlag sein Werk »Das bunte Buch« herausgegeben. Darin vergleicht er in einem Kapitel die Juden mit Bandwürmern, ja fordert „implizit deren Vernichtung“, so die aktuelle Kritik der IG Autoren. Originaltext des Dichters: »Wie oft man ihn auch abzutreiben versucht hat, man gewann … bis jetzt nur größere oder kürzere Stücke, nie aber den Kopf selbst« … Und das könne man wohl nur als stereotypen Antisemitismus bezeichnen?!
Genau hundert Jahre später, 1952, wird ein anderes Werk des Dichters, zur oberösterreichischen Landeshymne erklärt. Und seit diesem Zeitpunkt bei allen nur erdenklichen Anlässen aufrecht stehend, feierlich, ja inbrünstig intoniert.
Nicht erst seit heute wird daher eine Neubewertung des Mundartdichters gefordert, insbesondere aber die oberösterreichische Landeshymne ob der Gesinnung des Autors in Frage gestellt. Nicht nur die Interessengemeinschaft der Autorinnen und Autoren wirft damit dem offiziellen Oberösterreich einen unkritischen Umgang mit dem Antisemiten Stelzhamer vor. In Wien, so die IG Autoren, hätte man immerhin die Stelzhamergasse mit einer Zusatztafel, die auf den Antisemitismus des Namensgebers verweist, ausgestattet. Man fordere daher eine Neuausschreibung, eine zeitgemäße Landeshymne.
Das »offizielle Oberösterreich« hat auch bereits Stellung bezogen: Im Text der Landeshymne, heißt es da rechtfertigend, käme nichts Antisemitisches vor, der »Fall Stelzhamer« wäre darüber hinaus längst durch- und abgearbeitet und zudem müsse man die Gesinnung des Dichters im Kontext seiner Zeit sehen. Mit anderen Worten: das juckt uns nicht!
Bei einem Zestodenbefall des Menschen treten unspezifische Symptome wie Bauchschmerzen oder Juckreiz in der Analregion auf. Wenn Sie also beim nächsten Mal, ausgerechnet während des andächtigen Absinges des Liedes vom Heimatland, einen Juckreiz verspüren, spätestens dann wissen Sie, warum. Denn eines ist sicher: nachdem man diesen Hintergrund kennt, wird man die oberösterreichische Landeshymne nie mehr wieder so hören, geschweige denn vortragen können, wie zuvor. //(clash)