Verrückt

Frau Schirach (Ariadne von; Philosophin, Psychologin, Soziologin) und ihrem jüngsten Werk haben wir es zu verdanken, dass die uralten Fragen heute erneut gestellt werden: Was ist der Mensch? Warum sind wir hier? Was ist ein gutes Leben?

Der Buchtitel, »Die psychotische Gesellschaft« (im Leuchtschrift-Design), springt uns förmlich ins Gesicht. Aber halb so wild, im Untertitel wird dem erschrockenen Leser umgehend der Heilsweg versprochen: »Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden«.

Vorweg ist festzuhalten, dass Frau Schirach das Schriftstellerische wahrscheinlich im Blut liegt; vor allem aber, dass sie Hochschullehrerin ist (Universität der Künste Berlin, Hochschule für Bildende Künste Hamburg, Donau-Universität Krems). Womit haben wir es hier also zu tun: Eine wissenschaftliche Arbeit? Science Fiction? Ratgeber-Literatur? Und, weit wichtiger, würden wir beim Buchhändler unseres Vertrauens gierig danach greifen und uns den Inhalt umgehend in einer Nacht reinziehen?


Vielleicht stimmt ja auch nur das Marketing und wir sind mit dem Buch gar nicht gemeint? Jedenfalls sind Frau Schirach und ihre Werke seit etlichen Jahren gern gesehene Gäste in den alten wie neuen Medien, auf allen Kanälen. Da mögen auch ihre früheren Interessengebiete, wie die »Pornographisierte Gesellschaft«, »Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst« oder die »Kleine Charakterkunde für alle, die sich und andere besser verstehen wollen« beigetragen haben.


Dass das Trommeln zum Geschäft gehört, ist ja eine mindestens genau so alte Binse wie die in der Einleitung formulierten Fragen. So haben wir es eben auch vernommen (Interview mit Boris Jordan auf fm4.orf.at) und uns erlaubt ein wenig zu graben. Wir geben es zu, es wundert uns aber nicht, dass man ein Buch mit einem Video-Clip auf Youtube ankündigt und vermarket ist uns bis dato noch nicht untergekommen! In durchaus angenehmer Kürze von eineinhalb Minuten soll uns ein reisserischer Bild- und Wort-Rap Gusto auf die Lektüre, auf die Botschaft machen: So – nämlich mit Krisen, Kriegen, Katastrophen etc. – kann's mit uns (der westlichen Gesellschaft) nicht weitergehen; es muss etwas passieren?! Was?


Frau Schirach empfiehlt eine – durchaus charmant klingende – »poetische Revolution«, eine »Heilung durch Finden eines neuen Sinns«. Wie findet man ihn? Poetische Revolution bedeutet, so Frau Schirach, »Aufräumen«! Das trifft sich gut; ist ja Aufräumen, im wortwörtlichen Sinne, gerade schwer angesagt und ist dieses Aufräumen doch immer, so haben wir inzwischen gelernt, im übertragenen Sinne, auch ein Aufräumen der Seele. So es diese überhaupt gibt. Aber das ist eine andere Geschichte.


Die Idee vom Gefühl, wonach jetzt alle verrückt geworden seien, dass es so nicht weitergehen könne und dass etwas passieren müsse, ist nicht neu. War da nicht schon in der Bibel etwas mit einer »Apokalypse« oder vor hundert Jahren mit einem »Untergang des Abendlandes« von einem gewissen Herrn Oswald Spengler?


Näher dran ist da schon die Studie »Der verdichtete Raum. Sprache, Text und weltanschauliches Wissen in deutschsprachigen Zukunftsromanen der 1920er und 1930er Jahre« an der Universität Bochum (2007 bis 2020): Vor 100 Jahren genau so wie heute, konstatiere man »ein Gefühl, der Gegenwart entfremdet zu sein und von ihr gleichzeitig überrollt zu werden; … Dass die Gegenwart fremd wird und die Entwicklung über die Köpfe der Menschen hinweggeht, dieses Bild benutzen heute auch die Rechtspopulisten«, so eine der Autorinnen (Kristin Platt, Sozialpsychologin) »und wieder heißt es, dass man hinter der schnellen Zeit hinterherläuft und zurückgelassen wird». Und das sei, so die Studie, eine gefährliche Entwicklung für die Demokratie. Ob da »Aufräumen« hilft? //(clash)